Deutschland in der Produktivitätsfalle

fachbeitrag

Die Beschäftigung ist auf einem historischen Höchststand angelangt, und das Klagen über Mangel an Fachkräften nimmt kein Ende. Dabei ist die Steigerung der gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität – gemessen als preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde – seit Jahrzehnten tendenziell rückläufig und, nach vorläufigen Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, im 1. Quartal 2019 gegenüber dem Vorjahr sogar um 0,8 % gesunken.

 

Stagnierende Produktivität und demographischer Wandel

Der jährliche Zuwachs der Arbeitsproduktivität in der Bundesrepublik Deutschland hat bis 1970 durchschnittlich 6 % betragen und auch in den beiden folgenden Dekaden mit durchschnittlich noch 3 % internationale Spitzenwerte erreicht. Danach ist Deutschland mit bis zur Wirtschaftskrise 2008/09 durchschnittlich 2 % Produktivitätssteigerung auf ein mittleres Niveau zurückgefallen und seit 2010 mit durchschnittlich 1 % bzw. nur noch 0,1 % 2018 im internationalen Vergleich zum Low-performer geworden.

Bei stabiler Beschäftigung sind Produktivitätssteigerungen Voraussetzung für die Mehrung des Wohlstands. Im demographischen Wandel mit zunehmend schrumpfendem Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung sind nachhaltige Produktivitätssteigerungen die Voraussetzung, um das Wohlfahrtsniveau überhaupt halten können. Die Rückkehr zu nachhaltigen Steigerungen der Arbeitsproduktivität muss Ziel von Wirtschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung werden.

Aufschwung wesentlich vom Beschäftigungsaufbau ermöglicht

Die gute Konjunktur der letzten Jahre wurde wesentlich vom Beschäftigungsaufbau ermöglicht und nur zum Teil vom Produktivitätswachstum getragen. Dafür, dass der starke Beschäftigungsaufbau nicht zu einer größeren Steigerung der Wertschöpfung geführt und stattdessen eher das Schrumpfen der Produktivitätszuwächse kompensiert hat, werden verschiedene Erklärungen diskutiert:

  • Viele Unternehmen haben, so sie denn welche finden konnten, mehr Mitarbeiter eingestellt oder gehalten, als tatsächlich benötigt (Reservegedanke).
  • Erheblichen Arbeitsvolumina sind in die Vorbereitung von Digitalisierungsprojekten eingeflossen, die (noch) nicht zu Wertschöpfung und Produktivitätssteigerung geführt haben.
  • Der Anteil nicht bepreister und damit statistisch nicht berücksichtigter digitaler Leistungen nimmt weiter zu.
  • Die Aufarbeitung des Diesel-Skandals hat erhebliche Arbeitskapazitäten verschlungen, ohne Wertschöpfung zu generieren.

Unter Experten ist der quantitative Einfluss dieser Faktoren auf die Produktivitätsentwicklung umstritten. Sie allein können jedoch nicht erklären, warum das Land der Erfinder und Tüftler im internationalen Vergleich von den vordersten auf die hintersten Ränge zurückgefallen ist.

Kollateralschäden guter Konjunktur

Zu den genannten Gründen der stagnierenden Produktivitätsentwicklung kommt noch eine ganze Reihe von Erscheinungen in Wirtschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung. Dass diese schnell den einen oder anderen Prozentpunkt an Produktivität kosten, wird jedem klar, der sich bewusst macht, wie trotz ständig proklamierten Abbaus derselben extern oktroyierte und intern kultivierte Bürokratie fröhliche Urstände feiert, wie sich Entscheidungsprozesse in die Länge ziehen, manchmal bis nichts mehr zu entscheiden ist, und wie viele neue Nice-to-haves geschaffen, alte Zöpfe aber nicht abgeschnitten werden. So wurde, nur als ein illustres Beispiel, in Deutschland die Zahl der Museen in den letzten zwanzig Jahren um ein Viertel ausgebaut – wohin soll das führen?

Es bleibt das Risiko guter Konjunktur und gut gefüllter Steuerkassen, dass man in solchen Zeiten Speck ansetzt, von dem man allerdings in schlechten Zeiten nicht zehren kann, der – im Gegenteil – später zur Falle werden kann. Dass man sich, insbesondere in Verwaltungsprozessen, an viele nicht wertschöpfende Zustände und Tätigkeiten gewöhnt, die zwar als lästig oder überflüssig erkannt, trotzdem toleriert und hingenommen oder, im schlimmsten Falle, sogar zelebriert werden. Wettbewerbsdruck, Mangel und Not sind einfach die besseren Lehrmeister.

Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle sind  – nicht allein – entscheidend

Für viele Unternehmen entscheidet die digitale Weiter- oder Neuentwicklung von Geschäftsmodellen über ihre zukünftige Existenz. Aber auch digitale Geschäftsmodelle und der Weg dorthin, müssen – wie traditionelle Geschäftsmodelle – mit maximaler Produktivität realisiert werden.

Hohe Produktivität ist dabei nicht nur ein Faktor der Kostensenkung, sondern auch der Beschleunigung des Wandels. Und am Ende zumindest Teil der Bewältigung des Fachkräftemangels, der – rein rechnerisch – zur Chimäre würde, könnten wir uns zukünftig wieder auf die im ausgehenden 20. Jahrhundert üblichen Produktivitätssteigerungsraten verlassen.

Ein Ende des nun zehnjährigen Aufschwungs zeichnet sich ab. Jetzt ist für viele Branchen und Unternehmen höchste Zeit, sich auf eine schmalere Konjunktur, mehr Wettbewerbsdruck und sinkende Margen einzustellen. Und, wo angezeigt, den digitalen Wandel voranzutreiben. Beste Voraussetzung dafür sind fest implementierte, kontinuierliche Prozesse für nachhaltige Produktivitätssteigerungen.

 

 

Über den Autor

Dr. Hartmut Knigge war 16 Jahre im In- und Ausland als Führungskraft deutscher Mittelständler und internationaler Konzerne tätig. Seit 2000 ist er geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Knigge & Rohleder Gesellschaft für Unternehmerische Begleitung im Mittelstand mbH und unterstützt, bei Bedarf auch in interimistischer Verantwortung, mittelständische Unternehmen in der Strategieentwicklung und der nachhaltigen, werteorientierten Unternehmensführung, bei betriebswirtschaftlicher Optimierung, im Krisenmanagement und in Sanierungsfällen. Er ist ehrenamtlich als Auditor für Beratungsunternehmen und in der Weiterbildung von Unternehmern und Führungskräften engagiert.

 

, ,

Noch keine Kommentare.

Schreiben Sie einen Kommentar